Dienstag, der 28. November 2006 | |
Geheimsprache der Gospels | |
|
Konzert in St. Nicolai mit Bernadette Grawe, Ekkehardt Schoeps und Wolfgang Brosche | |
LIPPSTADT Es mutet zunächst wie
ein Kammerkonzert an, so wie die Altistin Bernadette Grawe, Pianist
Ekkehardt Schoeps und der Sprecher Wolfgang Brosche den Saal betreten.
Doch was das Trio an diesem Abend vorträgt, ist Gospel in seiner
ursprünglichsten Form. Die Veranstaltung im Rahmen der „Musik in St.
Nicolai“ — zum ersten Mal im Probenraum — ist alles andere als
überschwänglich, eher zurückhaltend. Sie will nicht Stimmung erzeugen oder
gar animieren. Vielmehr gehen die Interpreten in die Tiefe, schaffen in
der Kombination von Sprache und Musik einen ganzheitlichen Zugang zu den
Liedern der Sklaven.Wolfgang Brosche geht auf die Historie des Gospels
ein, die Sklaven, die während der Feldarbeit singen durften, um Abläufe
besser koordinieren zu können. „So wurde der Rhythmus in die USA
geschmuggelt“, sagt er. Spirituals waren jene Lieder, die in geheimen
Gottesdiensten gesungen wurden. „Ihre Texte wurden zur Geheimsprache der
Underground Railroads, die die Flüchtlinge zu den Campgrounds führten“,
zum Beispiel nördlich des Ohio, wo es keine Sklaverei gab. In „Deep River“
etwa wird der Ohio zum Jordan.Die gesamte Tragik der entwürdigten Schwarzen und ihr einziger Wunsch nach Freiheit wird in diesen Texten spürbar. Sehnsucht und Melancholie, aber auch Hoffnung wird auch im sauberen und gefühlvollen Gesang von Bernadette Grawe deutlich. Um die Menschen in die Kirchen zu holen, wurde die ursprüngliche Kraft der Spirituals genutzt, wurde der Gospel zum Evangelium, führt Brosche weiter aus. Gegen 1920 kommt der Gospel in die Konzertsäle und wird zur Grundlage des Jazz. Er erlangt sogar politische Bedeutung im Kampf um Gleichberechtigung. In „Swing low, sweet chariot“ entwickelt Ekkehardt Schoeps ein auffällig einfühlsames, weich akzentuiertes Klavierspiel. Er löst sich von der Partitur und begibt sich — wie bei allen Stücken — in die Improvisation, nutzt die Möglichkeiten der (verminderten) Harmonien, um ein volles Klangbild zu erzeugen, das Hoffnung, Wut, Sehnsucht und Leidenschaft in sich vereint. Auch in bekannten Titeln wie „Sometimes I feel like a motherless child“ erklingen in ihrer Harmonie eigenwillige, schöne Melodieverläufe. Wolfgang Brosche vermittelt in symbolträchtigen Märchen, dass Leiden nur in Geduld zu ertragen ist und — in einer persiflierenden Version der biblischen Geschichte — dass Adam und Eva eigentlich schwarz waren und ihr Sohn Kain, der vor Gott erschrak, der erste weiße Mensch war. Die Botschaft des Abends ist Mahnung zugleich: Die Musik hat den Weg in die Freiheit geschafft; schneller als die Menschen. | |
rio |
|
|
| Eine Verwertung der urheberrechtlich geschützten Publikation oder aller in ihr enthalten Beiträge und Abbildungen, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung, ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Zeitungsverlages "Der Patriot" GmbH unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrechtsgesetz nichts anderes ergibt. Insbesondere ist eine Einspeicherung oder Verarbeitung in Datensystemen ohne Zustimmung des Zeitungsverlages "Der Patriot" GmbH unzulässig. |