Dienstag, der 18. Dezember 2007


Kostbare Klangjuwelen

Das Publikum in St. Nicolai belohnte die temporeiche Interpretation von Bachs „Weihnachtsoratorium“ mit Standing Ovations

Der Kammerchor Lippstadt und die Kammerphilharmonie St.Petersburg führten in St. Nicolai unter Leitung von Harduin Boeven Bachs „Weihnachtsoratorium“ auf.    Foto: BrodeLIPPSTADT   Landauf, landab füllt in diesen Tagen wieder das „Weihnachtsoratorium“ Kirchen und Konzertsäle. Auch in der vollbesetzten Nicolaikirche zeigte man großes Interesse an der Interpretation durch den Kammerchor Lippstadt und die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg unter der Gesamtleitung von Kantor Harduin Boeven.Diesem Interesse steht freilich eine nicht minder große Problematik im Werk selbst gegenüber. Wie soll man Bachs „Weihnachtsoratorium“ hören: Durch eine naive oder intellektuell erzwungene Rückversetzung in die Zeit von 1732 und dabei die geschichtliche Distanz negieren? Oder soll man versuchen, die historische Distanz etwas, aber nicht ganz abzufangen, aber dabei doch auf den Kunstcharakter und die musikalische Erfahrung seit Bach wenigstens andeutungsweise eingehen? Oder soll man, der Tradition folgend, alle Jahre wieder dieses Werk aufführen, seinen ursprünglichen kirchlichen Sinn ästhetisierend integrieren und das Ganze so hören, wie man eben ein Oratorium hört?
Harduin Boeven entschied sich für eine temporeiche, in weiten Teilen werkgetreue Deutung und verzichtete dennoch weitgehend auf unzeitgemäße „barocke Schnörkel“. Bereits beim mächtigen Eingangs-Chor „Jauchzet, frohlocket“ gab der Dirigent ein forsches Tempo vor, um den Jubelrhythmus zu einem prachtvollen musikalischen Gloria zu entfalten. Dem gegenüber wirkte im Chor Nr. 21 „Ehre sei Gott“ das Vivace, eine der wenigen Tempo-Vorgaben Bachs, vergleichsweise harmlos. Die tückischen Hürden dieses freien Chores wurden spielend gemeistert.
Majestätisch-resolut gelang auch der Rahmenchor „Herrscher des Himmels“ in der dritten Kantate. An den Intonationen und Überleitungen hatte der Chor offenbar besonders intensiv gefeilt. Hier gab es keine Probleme. Fast am ergreifendsten wirkten die Chöre mit selbständiger Ochesterbegleitung. Die normalen, in nicht zu schnellem Tempo gestalteten Choräle stellten kostbare Klangjuwelen dar.
Der stimmbildnerisch hervorragend geschulte Chor erreichte bei fast allen Chorsätzen eine große Unmittelbarkeit, nicht zuletzt dank der unermüdlichen, lebhaften Regie des agilen Kantors Harduin Boeven. Auch das Vokalsolisten-Quartett mit Julia Heße (Sopran), Dshamilija Kaiser (Alt), Max Ciolek (Tenor) und Alexander Knoß (Bass) wusste sich im rezitativischen Bereich sowie bei den Arien dem musikalischen Szenario einfühlsam anzupassen.
Die Kammerphilharmonie St. Petersburg, schon des öfteren zu Gast in Lippstadt, verstand es, mit einem durchaus geschmeidigen Sound die Situationsmusik annähernd nachzuempfinden - ein Verdienst der souverän und präzise aufspielenden Instrumentalisten.
Alles in allem eine ideale weihnachtliche Einstimmung, die die spontanen Standing Ovations am Schluss zu Recht verdient hat.


LB

Quelle: http://www.DerPatriot.de/index.php?content=lokal_artikel&ID=Pi-302687&RESSORT=KULTUR

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