Dienstag, der 9. September 2008


Geduld mit den Ohren

Quintessence und Harduin Boeven boten in St. Nicolai jazzige Bearbeitungen klassischer Werke - das spektakuläre Konzert gibt es bald auch auf CD

Sorgten für schaurig schöne Momente in der Kirche (v.l.): Sven Hoffmann, Uli Lettermann, Harduin Boeven, Anatole Gomersall, Kai Niedermeier und Andreas Menzel.    Foto: HeierLIPPSTADT   Klingt schon anders, wenn so ein lasziver Saxofon-Sound aus der Sakristei erklingt. Die Verbindung Kirche und Jazz aber ist eine gelungene Symbiose, die abgesehen vom Wandel des kulturellen Zeitgeistes auch klanglich sehr interessant ist. Quintessence waren bereits zum dritten Mal in St. Nicolai zu Gast, und diesmal kam das fünfköpfige Saxofon-Quintett, um das gut aufgelegte Lippstädter Publikum, das das komplette Mittelschiff füllte, für seine CD-Produktion in Bild und Ton mit einzuspannen.Es gaben alle ihr Bestes, zumal das Lippstädter Projekt - abgesehen von den Live-Konzerten in Lippstadt - in der Kombination Saxofon/Orgel eine absolute Neuheit auf dem Musiksektor ist und auf Tonträger bislang einzigartig sein dürfte, wie Kantor und Organist Harduin Boeven betonte.
Die mobile digitale Orgel in St. Nicolai nämlich ermöglicht nicht nur ein erweitertes Klangspektrum, sondern auch das Zusammenspiel von Organist und Saxofonisten, was für gewöhnlich aufgrund der Größe des fest installierten (Solo)-Instrumentes nicht der Fall ist. So entsteht ein Klangwerk, das sich durch einzigartige jazzige Bearbeitungen klassischer Werke auszeichnet.
Händels „Wassermusik“ klingt da zunächst wie ein triumphaler Festeinzug in die Westminster Abbey, wird dann aber zur schwungvollen Jazz-Nummer. Harduin Boeven zieht die vielen Register, wütet an der Orgel in chromatischen Läufen über die Tasten. Schräge Töne, dissonante Akkorde und satte Klänge in engen Harmonien entfalten sich in der weiten Akustik der Kirche, die dem Sound sowohl den nötigen Hall verleiht, als auch das akzentuierte, solistische Spiel hörbar werden lässt.
„Mozarts

Requiem´ dürfte so wohl das grausigste Stück sein, das Sie je gehört haben. Haben Sie Geduld mit den Ohren“, kündigt Uli Lettermann in seiner humorigen Moderation an. Ob Felix Mendelssohn Bartholdys aus amerikanischen Traumhochzeiten bekannter „Hochzeitsmarsch“, Mozarts „Ave Verum“ oder Vivaldis „Vier Jahreszeiten“: Lettermann (Sopran, Alt-Saxofon), Sven Hoffmann (Alt, Sopran), der Londoner Anatole Gomersall (Bariton), Kai Niedermeier (Tenor) und Andreas Menzel (Tenor) lassen vertraute klassische Melodien zum Lobpreis werden; zum Gospel, der berührt und erschaudern lässt.
Dazu tragen die Soli bei, die die Herren als verdammt gute Jazzer ausweisen. Sie blasen sich durch die Oktaven, liefern verschnörkelte Soli, die mal temperamentvoll, mal verträumt sind, und schrauben sich tänzelnd bis zum improvisatorischen Höhepunkt hinauf.
Sie lieben die Dynamik, synkopierte, akzentuierte Rhythmik und volle Harmonien. Die Stücke haben explosive Kraft und sind optisch auch mit körperlichem Einsatz verbunden, was man bei Gomersall „mit seinem Bariton als Fundament“ deutlich sieht. Die Orgel bleibt meist dezenter Begleiter und sorgt für einen abgerundeten Klangteppich. Sie alle sind vom Soul-Fieber gepackt und lassen dies beim Ausmarsch noch einmal so richtig spüren.
Wann die CD-Einspielung samt Video zu haben ist, erfahren Interessierte unter www.saxophonequintett.de.


rio

Quelle: http://www.DerPatriot.de/index.php?content=lokal_artikel&ID=Po-339444&RESSORT=KULTUR

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