Donnerstag, der 8. Oktober 2009


Bis an die Grenzen gefordert

Das Konzert des Arnold Schoenberg Choresin St. Nicolai wurde für die Zuhörer zu einem Erlebnis

Beeindruckende Gäste: der Arnold Schoenberg Chor in St. Nicolai.   Fotos: TuschenLIPPSTADT   Anton Bruckner hatte gegenüber den Ausführenden seiner Werke ein fast schon unterwürfiges Vertrauen. Erwin Ortner, dem Leiter des wunderbaren Arnold Schoenberg Chores, kann der in seinem Selbstvertrauen leicht zu erschütternde Komponist blind vertrauen. Als „Ableger“ des Festivals „Musica sacra“ in Paderborn war der zahlenmäßig auf Kammerchorgröße begrenzte Chor in der Lippstädter Nicolaikirche.Das Konzert wurde zu einem Erlebnis für die Hörer. Der Chor sah sich dabei von seinem Leiter, stellenweise geradezu ekstatisch die Motetten Bruckners nachzeichnend, oft bis an seine Grenzen gefordert. Und er bewältigte diese Anforderungen mit prachtvoller stimmlicher Ausgeglichenheit, einer faszinierenden dynamischen Breite, einer Pianissimokultur, die ebenso begeisterte wie die großräumigen, himmelstürmenden Steigerungen.
Unter der Leitung von Erwin Ortner lässt die Spannung in keinem Moment nach, sind die schönsten Momente von frei schwebender Klanglichkeit, die kontrapunktischen Strukturen durch die Kirchenakustik bedingt leicht verwischt. Keine Frage, dass die Interpretation der Motetten Anton Bruckners durch den Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung des mit ihm vielfach ausgezeichneten Chorleiters zu einer Sternstunde der Chormusik in Lippstadt zu zählen ist, bereichert durch meditative Texte, gesprochen von Gero Friedrich.
Erwin Ortner und sein Chor haben ein weites Arbeitsspektrum, von der Renaissance bis in die Moderne. Das wurde im zweiten Programmteil mit der Kantate „Unter einem Himmel“ von Uli Lettermann zum Text von Erich Rentrow bewiesen, eingerichtet für Chor und Saxophon-Quintett.
Sicherlich eine etwas ungewöhnliche Kombination, bei der die Saxophone einen insgesamt schwebenden Klang erzeugen, der selbst in Dissonanzenaggression einen besänftigenden Charakter behält, der nur durch besondere rhythmische Momente strukturiert werden kann.
Das technische Vermögen des Quintessence Saxophone Quintet war glänzend, die rhythmische Präsenz ebenso überzeugend wie das musikantische Engagement . Und das sind zunächst einmal wichtige Voraussetzungen, um eine Hörerschaft für nicht ganz gewöhnliche Klänge zu gewinnen.
Der Arnold Schoenberg Chor bewies sowohl in den sängerischen als auch den gesprochenen Partien absolute Souveränität, schuf damit den choralartigen Partien eines insgesamt im Kompositionsschema durchschaubaren, mehrsätzigen Werkes die Ruhepunkte, die Erwin Ortner balsamisch aussingen ließ.
Damit erklang ein Werk unserer Zeit, das mit dem Begriff „Moderne“ wohl unzureichend etikettiert wäre, das aber einen angemessenen Gegenpol zu den emotional-tiefgläubigen Bruckner-Motetten bildete. Hätte man den Text mitlesen können, wäre ein tieferer Einblick in das Wort-Ton-Verhältnis und damit in das Kompositionsvorgehen möglich gewesen.
Ein Abend mit Chormusik auf interpretatorisch wie klanglich höchstem Niveau, den Veranstaltern sei Dank.


AK

Quelle: http://www.DerPatriot.de/index.php?content=lokal_artikel&ID=PX-392249&RESSORT=KULTUR

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