|
LIPPSTADT
So
spannend kann Musik sein: Wohl selten erlebte die Nicolaikirche ein solch
packendes und ergreifendes Musikdrama. Das monumentale Oratorium „Elias“,
Felix Mendelssohn Bartholdys wichtigstes Sakralwerk der Romantik, stellt
mit seinem musikalischen Anliegen höchste Anforderungen an die
Interpreten. Das Wagnis der Interpretation ist indes geglückt: Die
hautnahe Entwicklung der fast opernhaften großflächigen Dramatik hätte
wirkungsvoller kaum inszeniert werden können. Solisten, Chöre und
Orchester steigerten sich zu brillanten Höchstleistungen.Allein die Chöre
haben einen Mammutanteil zu bewältigen. Hier hat sich die akribische
Probenarbeit bezahlt gemacht. Harduin Boeven hatte seine Vokalisten, den
Lippstädter Kammerchor mit Solisten sowie den Chor an St. Nicolai, bestens
vorbereitet, so dass die tückischen Hürden der Partitur keine Probleme
bereiteten. Es ist schier unmöglich, die Fülle der interpretatorisch
erreichten Höhepunkte zu bewerten. Zweifellos gehören die erregenden
Volksszenen dazu: „Aber der Herr sieht es nicht, er spottet unser“ — ein
gewaltiger Aufschrei in leidenschaftlicher Chordeklamation im
lebhaft-hastenden Presto-Vivace sowie die machtvollen achtstimmigen Rufe
der Baalspriester, exakt intoniert und minutiös abgesetzt. Von
hochdramatischer Prägung beseelt, gelang der Feuerchor im hastigen
Fortissimo. Die fast marschartige Thematik in einem der machtvollsten
Chorsätze Mendelssohns, „Dank sei dir Gott“, die in eindrucksvollen
Crescendi-Klangbögen differenziert und ausgefeilt gestaltete Szene „Der
Herr ging vorüber“ bis hin zum strahlenden Chor-Forte (Seraphim) vor dem
instrumentalen Background des Orchesters gehörten zu den weiteren
effektvollen Höhepunkten, die sich im Finale im achtstimmigen Jubelchor
und in der strahlenden Schlusschorfuge („Herr unser Herrscher“) in
gewaltiger Steigerung zur erhabenen Krönung des Werkes entluden. Zur
zweiten musikalisch dominierenden Säule des Geschehens gedieh die
Solopartie der Hauptfigur Elias, ebenso dramatisch wie stimmgewaltig
verkörpert von Markus Krause. Sein resonanzreicher, raumfüllender Bariton
vereinte hervorragende stimmliche Qualitäten mit szenischer
Gestaltungskunst. Zu seinen solistischen Höhepunkten gehörte die
großartige Arie „Es ist genug“. Selbst der leidenschaftlich gesteigerte
Mittelteil der Arie vermochte die dumpfe Resignation des müden Propheten
nicht zu verändern. Das Engel-Terzett lieferte in edlem
A-cappella-Gesang den anschließenden Klangkontrast und brachte die
Innigkeit der Mendelssohnschen Tonsprache vollendet zum
Ausdruck. Breiter Raum wird im Oratorium den lyrischen Betrachtungen
eingeräumt — eine überaus dankbare Aufgabe für das Terzett der
Vokalsolisten Julia Heße (Sopran), Stephanie Firnkes (Alt) und Joachim
Keuper (Tenor). Die teilweise von ergreifender Schlichtheit beseelten
Arien und Rezitative sorgten besonders im zweiten Teil für ergreifende
Klangoasen der Ruhe und Besinnlichkeit. Auch mit der Verpflichtung des
Göttinger Symphonie-Orchesters hatte Harduin Boeven einen guten Griff
getan: Die Instrumentalisten, von Christian Göcke Goos an der Orgel
komplettiert, überraschten mit einem geschmeidigen, dynamischen
Orchestersound, der sich analog zum biblischen Geschehen zuweilen
ebenfalls zu brillanten Höchstleistungen zu steigern vermochte und
dramatische Akzente zu setzen wusste. Standing Ovations und Bravo-Rufe
honorierten die musikalischen Glanzleistungen der Interpreten.
|